Verstörend – „Brodecks Bericht“

Brodecks Bericht„Ich heiße Brodeck, und ich kann nichts dafür.“ Mit diesem Satz beginnt das Buch „Brodecks Bericht“ von Philippe Claudel und damit ist das hauptsächliche Thema des Buchs schon genannt. Es geht um Schuld.
Ein Fremder, der Andere, kommt in ein abgelegenes Bergdorf und die Dorfbewohner beobachten misstrauisch jeden seiner Schritte. Er ist anders als sie und alleine das macht ihn zu einer Bedrohung. Eines Abends locken die Männer des Dorfes den Anderen in eine Falle und töten ihn. Alle Männer, bis auf Brodeck. Und so soll er, den das Dorf auf die Schule geschickt hat und der schreiben kann, einen Bericht darüber schreiben, wie es zu dieser Tat kommen konnte. Auf diese Weise wollen die Dorfbewohner sich von ihrer Schuld freisprechen.
Brodeck schreibt diesen Bericht und er tut noch mehr, er schreibt einen zweiten Bericht, in dem er sein Leben erzählt und durch den wir besser verstehen, was in diesem Dorf, was mit dem Anderen aber auch, was mit Brodeck passiert ist.

Es ist beileibe kein einfaches Buch. Es war mein erstes Buch von Claudel und ich wäre vermutlich nie darauf gestoßen, wenn ich es mir nicht zur Gewohnheit gemacht hätte, die Homepage von Parlando zu besuchen. Lesungen von Christian Brückner sind oft eine gute Wahl und in seinem eigenen Verlag publiziert er reihenweise wahre Perlen und liest sie selber. Nachdem ich dieses Hörbuch fertig gehört hatte, habe ich mir gleich noch ein zweites von Claudel, ebenfalls von Brückner gelesen, gekauft. Daran sieht man vielleicht, dass mich das Buch beeindruckt hat.
Der Autor bedient sich darin eines kleinen Kunstgriffs der seine Wirkung nicht verfehlt. Er gibt keine konkreten Ortsangaben oder Zeiten, Bezüge zum Holocaust sind zwar kaum zu übersehen, sie bleiben aber vage. Man kann nur vermuten und spekulieren wo und wann die Geschichte stattfindet. Auch die lautmalerischen Namen wie „Fratergekeime“ und „Kazerskwir“ lassen wenig Rückschlüsse zu. In Frankreich, dem Herkunftsland des Autors, klingen gerade die lautmalerischen Namen natürlich sehr deutsch und das ganze Geschehen dürfte den französischen Leser an Deutschland und den 2. Weltkrieg denken lassen. Ein deutscher Leser mag da aber ganz andere Assoziationen haben.
Abgesehen davon wollte der Autor aus meiner Sicht aber gar nicht über den Holocaust schreiben und wer das erwartet, wird sicher enttäuscht. Der Autor nennt die Fremden oder den Anderen nie Deutsche oder Juden, benutzt keine Religionen, Nationalitäten, Länder- oder Städtenamen. Er bleibt allgemeingültig und so bleibt die Handlung universal. Sie könnte auch während des Dreißigjährigen Kriegs oder des Balkan Kriegs spielen. Es geht um das Wie, das Warum Menschen handeln, wodurch sie sich bedroht fühlen und wie sie schuldig werden. Und das hat mich sehr beeindruckt.

Es ist keine leichte Kost, es gibt auch nichts zu lachen. Im Gegenteil. Aber dennoch ist es ein gutes Buch das eine Geschichte erzählt, die es wert ist, gehört zu werden. Es regt einem zum Nachdenken an und das kann ja hin und wieder auch nicht schaden.
Christian Brückner trägt den Text in seiner unnachahmlichen Art vor und macht ihn damit noch eindringlicher. Ich bin ein großer Fan seiner Vortragskunst und bin daher voreingenommen. Aber aus meiner Sicht hat er noch jedem „seiner“ Hörbücher mehr Tiefe verliehen und macht auch hier ein gutes Buch noch etwas besser.

„Brodecks Bericht“, Autor: Philippe Claudel, Sprecher: Christian Brückner, Parlando, Leicht gekürzte Lesung, 6 CDs, 456 Minuten