Solide – „Die Tore der Welt“

die-tore-der-weltEines vorweg: es war schön, mal wieder Zeit in Kingsbridge zu verbringen. Es fühlte sich so an, wie nach Hause zu kommen, obwohl es doch ein anderes Kingsbridge war, als noch in „Säulen der Erde“.

Die Handlung von „Die Tore der Welt“ beginnt im Jahr 1327 und damit etwa 200 Jahre nach der Handlung aus dem Vorgänger „Die Säulen der Erde“. Wir begegnen den Hauptfiguren Caris, Merthin, Gwenda, Ralph und Godwyn deren Leben das Buch bis ins Jahr 1361 nachzeichnet. Die meisten von Ihnen sind Nachfahren der Figuren Tom und Alfred Builder und Aliena die wir aus dem ersten Band kennen. Mit seinen fünf Protagonisten hat Ken Follett die maßgeblichen Bereiche der mittelalterlichen Gesellschaft abgedeckt: den Adel, die Bauern, den Klerus und das Handwerk. Diese Gruppe an Handlungsträgern ist gleichzeitig Stärke und Schwäche des Buches. Die breit gefächerte Handlung mit verschiedenen Handlungssträngen in verschiedenen Bevölkerungsschichten macht das Buch sehr abwechslungsreich und so bleibt es immer spannend. Gleichzeitig fehlt dem Buch aber auch der rote Faden, wie es der Bau der Kathedrale von Kingsbridge im ersten Band war.

Wie bei dieser Gesamtlänge nicht überraschend, zieht sich die Geschichte an einigen Stellen auch etwas, aber ich war immer gespannt, wie es weiter geht. Und es wird einiges geboten. Intrigen, Morde, der Auftakt zum hunderjährigen Krieg, Hexenprozesse und nicht zuletzt die Pest. Zwischendrin wird geliebt, gelebt, gestorben und vor allem immer gebaut. Die Kirche kommt nicht gut weg in der ganzen Geschichte. Die „guten“ wie die „bösen“ Kirchenleute verstoßen reihenweise gegen ihre Lehren. Überall ist sie ein Hindernis für den Fortschritt und das Wohl der normalen Menschen.
Aber in dieser Vielfältigkeit liegt auch das Problem. „Die Säulen der Erde“ hatte mit dem Bau der Kathedrale einen roten Faden, der sich durch das ganze Buch zog und die einzelnen Handlungsstränge zusammenhielt. Das fehlt diesem Buch. Follett fächert das gesamte Mittelalterpanorama auf, aber es bleibt episodenhaft und der große Bogen fehlt. Und ebenso fehlen die echten Höhepunkte. So plätschert die Handlung dahin, wie in einer Art Mittelaltersoap, die Spaß macht und hervorragend unterhält, die aber keinen krönenden Abschluss findet.

Sehr erfreulich und lobenswert finde ich an diesem Hörbuch, dass LübbeAudio sich die Mühe gemacht hat, es in verschiedenen Varianten zu veröffentlichen. Eine Praxis an der sich andere Verlage ein Beispiel nehmen könnten. So gibt es das Buch als gekürzte Hörbuchfassung, gelesen von Joachim Kerzel und eine Hörspielfassung bei der die Experten schon bei der Nennung der beiden Erzähler Rosemarie Fendel und Peter Matic (Synchronsprecher u.a. von Ben Kingsley) ins Schwärmen geraten dürften. Und es gibt die von mir generell bevorzugte ungekürzte Lesung, hier von Tobias Kluckert vorgetragen. Der macht seine Sache im Übrigen sehr gut, schafft es, den Figuren eine eigene Persönlichkeit zu geben, ohne dabei zu übertreiben.

„Die Tore der Welt“, Autor: Ken Follett, Sprecher: Tobias Kluckert, LübbeAudio, Vollständige Lesung, 46 CDs, 3038 Minuten