Zwiespältig – „Die Korrekturen“

franzen-korrekturenZwiespältig sagt eigentlich alles aus. Ich kann nicht sagen dass mir das Buch wirklich gefiel. Ich werde die Geschichten und Figuren aber auch sicher nicht so bald vergessen. Es besteht keine Gefahr, dass ich das Buch noch einmal höre. Aber es ist beeindruckend.

Der Einstieg ist nicht leicht. Es geht um Alfred und Enid Lambert, ein älteres Ehepaar und ihre drei erwachsenen Kinder Garry, Chip und Denise. Alfred, der früher der Tyrann der Familie war altert rapide und wird dement. Seine Frau weigert sich das zu akzeptieren und möchte nur eines: ein großes Weihnachtsfest mit der ganzen Familie. Chip ist ein gefeuerter College-Professor mit einem ungesunden Hang zu jungen Frauen. Garry ein Banker mit Frau und drei Kindern dessen Ehe nur dann gut zu laufen scheint wer er tut was seine Frau verlangt. Und Denise ist Köchin in einem angesagten Restaurant und hat einen ebenfalls ungesunden Hang zu verheirateten Männern und Frauen.

Jedem der fünf ist ein Teil des Buches gewidmet, man erfährt viel über ihre Leben, Sorgen, Neurosen, Katastrophen, Wünsche, Fehlschläge und Glücksmomente. Ein echter Familienroman eben. Das Leben der Familie wird zusammen mit einem Großteil ihrer Vergangenheit ausgebreitet. Und das wirkt anfangs furchtbar konfus. Man versteht weder was die Figuren tun, warum sie es tun oder was sie wollen. Erst nach und nach, und damit meine ich etwa ab der Hälfte dieses sehr langen Buches, beginnt man zu verstehen. Und dann gibt es auch ein paar Momente wo wir Dinge die völlig unverständlich schienen plötzlich begreifen. Zum Beispiel warum Alfred zum völligen Unverständnis seines Sohnes Garry zwei Jahre vor der Pensionierung einfach gekündigt und so auf einen Teil seiner Rente verzichtet hat. Aber dieses Aha-Momente sind für mich viel zu selten.

Mein Problem mit diesem Buch war aber vor allem eines: ich fand diese fünf Menschen allesamt ziemlich bis sehr unsympathisch. Garry und seine ganze Familie sind zum kotzen. Alfred ist ein Tyrann den man hassen könnte. Enid das Klischee einer bigotten, einer heilen Welt nach hängenden und „so etwas tut man nicht“ stammelnden Karikatur einer Mutter. Chip ist meistenteils ein weinerlicher Waschlappen. Einzig Denise ist einigermaßen sympathisch.
Sicher, die Figuren machen Entwicklungen durch und gewinnen dabei auch teilweise Sympathiepunkte. Aber das nur sehr bedingt. Und 24 Stunden Hörbuchzeit mit Figuren denen man dauernd sagen möchte „Mein Gott, gehst Du mir auf die Nerven“, können sehr sehr lang werden. Ein Buch hätte ich nach nicht einmal der Hälfte weg gelegt und nie wieder angefasst.

Natürlich hat das Buch seine Stärken. Das Grundthema ist meiner Meinung nach, wie fremd sich Eltern und Kinder sind. Wie wenig Eltern und Kinder übereinander wissen und zu welchen Verwicklungen das führen kann. Natürlich enthält das Buch, gerade in der Figur des Chip einiges an Gesellschaftskritik. Einige Passagen sind auch durchaus komisch und unterhaltsam. Aber da bin ich persönlich bei den tragikomischen Episoden aus John Irving-Romanen dann einfach besser aufgehoben.

Wirklich beeindruckend und damit das was ich von diesem Buch ganz sicher mit nehmen werde, ist die Schilderung der Demenz von Alfred. Dieses immer tiefere abgleiten und immer mehr den Kontakt zur Realität verlieren. DAS hat mich wirklich ergriffen und wenn auch nicht begeistert (auf Grund der Thematik), dann doch tief beeindruckt. Diese Schilderung über die ganze Länge der Geschichte beschäftigt einen und ist sehr beeindruckend.

Warum alle Welt diesen Roman so lobt kann ich nicht nachvollziehen. Für mich war er nichts. Ich muss aber zugeben, dass er deutlich besser war, als ich nach der ersten Hälfte dachte. Da war ich kurz davor aufzugeben. Aber je mehr man in die Familie und ihre Geschichte hinein findet, desto mehr gewinnt das Buch. Wirklich gut wird es aber dennoch nie.
Den Autor Jonathan Franzen finde ich weiter interessant und werde es vielleicht noch einmal mit ihm probieren. Aber sicher nicht so schnell.

Sascha Rotermund hatte mir ja bereits bei „Der Sohn“ gut gefallen. Auch hier liest er ganz hervorragend. Vor allem wie er die ewig langen und verschachtelten Sätze Franzens so vorträgt, dass man ihnen folgen kann ist bemerkenswert. Wirklich hervorragend.

“Die Korrekturen”, Autor: Jonathan Franzen, Sprecher: Sascha Rotermund, Der hörverlag, Ungekürzte Lesung, 1482 Minuten