Lässt sich langsam an, aber dann… – „In einer Person“

ineinerpersonIch gebe zu, dieses Mal habe ich eine ganze Weile gefremdelt mit dem „Neuen Irving“. Auch Charles Brauer als Sprecher gefiel mir nicht von Anfang an. Aber mit der Zeit, je länger ich der Handlung folgte und je mehr ich verstand worum es eigentlich ging, gefiel es mir immer besser. Und am Ende mochte ich das Buch und vor allem seine Aussage. Es wird nicht mein Lieblingsbuch von John Irving. Aber er bleibt auch mit diesem Roman ganz weit vorne auf der Liste meiner Lieblingsautoren.

Aber worum geht es nun? Wie gesagt, dass ich Anfangs gar nicht so leicht zu erklären. Es geht um die Lebensgeschichte das beinahe unehelich geborene William Dean, den seine Freunde Billy oder Bill nennen und der später den Nachnamen seines Stiefvaters, Abbott, annimmt. Er wächst in der (erfundenen) Kleinstadt First Sister in Vermont auf. Der leibliche Vater ist (wie so oft bei John Irving) nicht anwesend und er wächst mit Mutter, Tante, Onkel und Großeltern auf. Dazu kommt bald ein Stiefvater, besagter Richard Abbott. Die Familie in der er aufwächst ist merkwürdig. Gesprochen wird nicht viel. Über seinen Vater erfährt er nur bruchstückhafte Anekdoten. Den Vater habe die Mutter verlassen als sie ihn dabei erwischte wie er „eine andere Person“ geküsst habe. Ansonsten schweigt man sich über den Vater und über so ziemlich alles aus. Großmutter und Tante sind herrisch und bigott. Die Mutter zunehmend verrückt. Einziger Halt innerhalb der Familie ist Grandpa Harry, der am Theater bevorzugt Frauenrollen spielt im wahren Lebens aber ein Sägewerk besitzt und eben besagter Richard der als Englischlehrer in örtlichen Internat anfängt.
Und da ist natürlich Miss Frost. Als der 14-jährige Billy ihr begegnet begehrt er sie sofort. Im Buch heißt es „Ich wollte Schriftsteller werden und Sex mit Miss Frost haben. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.“
Etwa die erste Hälfte des Buches handelt von der Zeit in den 50er Jahren als Billy Abbott 14 ist und bis er schließlich mit 19 seine Heimatstadt verlässt um nach New York zu gehen. Billy geht auf das Internat an dem sein Stiefvater Lehrer ist. Es gibt zahllose Theater-Inszenierungen, er lernt seine beste Freundin Elaine kennen. Beide schwärmen für den Star der Ringermannschaft der Schule. Erst machen Billy und Elaine eine quasi sexuelle Erfahrung miteinander, dann wird Elaine vom Ringer-Star Kittredge schwanger und wird zur Abtreibung nach Europa geschickt. Billy ist sowohl verliebt in Miss Frost als auch in Kittredge und je mehr sich seine bisexuelle Neigung zeigt, desto komplizierter und belasteter wird die Beziehung zu seiner Mutter.

William Abbott studiert in Wien, reist mit einem Freund durch Europa und liest ihm dabei „Madame Bovary“ vor. Er wird Schriftsteller wie er es als 14-jähriger schon Miss Frost angekündigt hatte. Er hat Beziehungen mit Männern, Frauen und auch einigen die sich ein keine der beiden Kategorien einordnen lassen. Auch Elaine und Billy versuchen sich als Paar, stellen aber bald fest, dass sie als Freunde besser harmonieren. Dann trifft die AIDS-Epidemie Amerika und William Abbott muss zusehen wie fast alle seiner Freunde sterben. Er fühlt sich schuldig weil er am Leben bleibt. Unsentimental und präzise zeigt Irving das Zerstörungswerk einer Krankheit die völlig unkontrolliert wütete. Hier hat das Buch fraglos seine stärksten Momente.

Es fällt wie gesagt schwer das alles (es sind über 24 Stunden Hörbuch-Zeit) in eine knappe Zusammenfassung zu pressen. Es ist eine ausufernde Geschichte und das Leben der Hauptfigur gibt auch eine Menge her. Man hat den Eindruck, dass die Handlung eine Weile ihren Weg sucht ehe sie in Schwung kommt. Aber auf der anderen Seite passt das auch wieder gut zu Billy Abbott der auch lange sucht, bis er am Ende seinen Weg und seinen Platz im Leben gefunden hat.

Etwas gestört haben mich die viele Zeitsprünge und Vorgriffe in die Zukunft. Aus der Schulzeit am Internat springt die Geschichte nach Wien zur Studienzeit und wieder zurück um dann weit nach vorne und nach San Francisco zu springen wo Billy und Elaine eine Weile miteinander leben und wieder zurück ins Internat. Daraus ergeben sich einige nette Aha-Erlebnisse, aber ich fand es leider auch manchmal sehr unruhig.

Dieser Roman feiert das Leben und er ist ein Plädoyer für Toleranz und Akzeptanz. Hier lieben Männer andere Männer, Männer Frauen, Frauen Frauen, Frauen auch Männer, Ältere lieben Jüngere, alles ist erlaubt und Irving zeigt uns, dass es gut so ist. Am Ende des Buches, William Abbott ist mittlerweile Ende sechzig, wirft ihm ein Junger Mann vor: „Sie erschaffen diese Figuren, die sexuell so anders sind, wie Sie das nennen mögen – oder abgefuckt, wie ich sie nennen würde – und erwarten dann, dass wir Verständnis für sie haben oder sie uns leid tun oder sowas.“ Worauf er antwortet „Ja, das mache ich, mehr oder weniger“ und ihm dann wortwörtlich das hinterher ruft, was ihm Miss Frost als Teenager schon gesagt hatte: „Mein lieber Junge, bitte stecke mich nicht in eine Schublade. Ordne mich nirgends ein, bevor du mich überhaupt kennst.“
Das kann man getrost als zentrale Aussage des Romans sehen.

“In einer Person”, Autor: John Irving, Sprecher: Charles Brauer, Random House, Ungekürzte Lesung, 1452 Minuten