Gewohnt spannend – „Der Sohn“

der_sohnSonny ist ein vorbildlicher Gefangener des modernsten Gefängnisses von Olso. Und Sonny ist ein Junkie. Er spricht wenig, hält sich aus allen Streitigkeiten heraus und hat sich so eine spezielle Rolle im Knast erarbeitet. Er ist der zu dem die anderen Gefangenen kommen um zu beichten. Sie erzählen ihm ihre Geschichte und er scheint ihnen Vergebung geben zu können. Aber ein Geständnis ändert alles. Sonny erfährt etwas dass ihn erst dazu bringt aus dem Gefängnis auszubrechen und dann auf einen Rachefeldzug durch die Olsoer Unterwelt zu gehen.

„Der Sohn“ ist kein Roman mit Nesbos Helden Harry Hole. er gibt dem leidgeprüften Kommissar hier eine wohlverdiente Pause. Dennoch spielt die Geschichte in Oslo und man hat auch dauernd das Gefühl, dass einer der bekannten Protagonisten um die Ecke kommen könnte. Das Buch ist eine klassische Rache-Geschichte à la „Graf von Monte Christo“. Folglich ist Sonny, die Hauptfigur, auch eine recht zwiespältige Figur. Das muss man mögen und ich mochte es durchaus.

Jo Nesbo ist ein Meister der unerwarteten Wendungen. Und er ist Meister darin uns hinters Licht zu führen die das wissen, auf die Überraschung geradezu warten und dann doch wieder herein gelegt werden. Das gelingt ihm auch hier. Da macht es dann auch wenig, dass einiges in der Handlung schon sehr bemüht und wenig realistisch wirkt. Es ist extrem spannend und unterhaltsam.

Der Sprecher Sascha Rotermund kommt leider nicht an Uve Teschner, den Sprecher der ungekürzten Harry Hole-Romane. Aber er macht seine Sache gut. Wie mir der Verlag HörbuchHamburg auf Anfrage mitteilte, wird es weitere ungekürzte Ausgaben der älteren Harry Hole-Bände geben. Dann aber hoffentlich weiter mit Uve Teschner. Dennoch würde ich weitere Hörbücher gelesen von Sascha Rotermund sicher nicht weglegen.

“Der Sohn”, Autor: Jo Nesbo, Sprecher: Sascha Rotermund, HörbuchHamburg, Ungekürzte Lesung, 921 Minuten

Ein Lieblingsbuch – „Gut gegen Nordwind“

Ich glaube nicht, dass ich schon einmal ein Buch zum zweiten Mal gelesen habe. Bei Hörbüchern ist es ein wenig anders. Da gibt es ein paar die ich schon zweimal oder öfter gehört habe. Es ist dennoch eine absolute Ausnahme wenn ich das tue. „Gut gegen Nordwind“ gehört aber definitiv in diese kleine Gruppe von Büchern und ist daher wohl eines meiner Lieblingsbücher. Was umso erstaunlicher ist, da ich meistens Krimis und Fantasy lese oder höre. Liebesromane gehören so gut wie nie zu meiner Lektüre.

Worum es geht ist schnell erklärt. Leo Leike erhält eine E-Mail von einer unbekannten Frau. Er antwortet. Sie schreibt zurück. Und so beginnt ein anfangs nur oberflächlicher und dann langsam immer tiefer gehender Kontakt der einen einfach mitreißt.

Der ganze Roman wird in Form von E-Mails erzählt. Also ein klassischer, nur modernerer, Briefroman. Und wie sich schon aus der Einleitung ersehen lässt liebe ich dieses Buch. Ich weiß noch, dass ich beim ersten Hören nach ein paar Minuten schon begeistert war. Konkret nach dieser Passage:

„Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr wünscht Emmi Rothner.

Zwei Minuten später
AW: Liebe Emmi Rothner, wir kennen uns zwar fast noch weniger als überhaupt nicht. Ich danke Ihnen dennoch für Ihre herzliche und überaus originelle Massenmail! Sie müssen wissen: Ich liebe Massenmails an eine Masse, der ich nicht angehöre. Mfg, Leo Leike.

18 Minuten später
RE: Verzeihen Sie die schriftliche Belästigung, Herr Mfg Leike. Sie sind mir irrtümlich in meine Kundenkartei gerutscht, weil ich vor einigen Monaten ein Abonnement abbestellen wollte und versehentlich Ihre E-Mail-Adresse erwischt hatte. Ich werde Sie sofort löschen. PS: Wenn Ihnen eine originellere Formulierung einfällt, jemandem »Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr« zu wünschen, als »Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr«, dann teilen Sie mir diese gerne mit. Bis dahin: Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr! E. Rothner. Sechs Minuten später

AW: Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Fest und freue mich für Sie, dass Ihnen ein Jahr bevorsteht, das zu Ihren achtzig besten zählen wird. Und sollten Sie zwischendurch schlechte Tage abonniert haben, bestellen Sie sie ruhig – irrtümlich – bei mir ab. Leo Leike.“

Die Mails und damit die Geschichte ist spritzig erzählt. Man merkt den Nachrichten die unterschiedlichen Stile und Persönlichkeiten der Charaktere an. Und man gewinnt beide schnell lieb. Das Ganze hat einfach Witz und viel Charme. Manchmal wird es aber auch kompliziert, düster und ob es ein Happy End gibt wird hier natürlich nicht verraten.
Mal zieht sich ein Partner zurück, der Kontakt wird spärlicher. Dann wieder fliegen die Mails im Minuten- und Sekundentakt hin und her. Langweilig wird es nie. Und es spiegelt sich in der Kommunikation auch unsere moderne Welt. Man kennt sich ganz intim, schriebt sich bis in die frühen Morgenstunden und hat sich dabei nie gesehen.

Manchmal wirft auch der Alltag seine dunklen Schatten über das Geplänkel der beiden Protagonisten. Und so fragen sich beide genau wie der Leser, wäre es gut wenn sie sich treffen? Sollen sie sich treffen? Oder würde das nur alles zerstören? Aber das soll jeder selber nachlesen oder nachhören.

Noch mehr gewinnt die Geschichte durch den Vortrag von Andrea Sawatzki und Christian Berkel die Emmi und Leo sprechen. Das ist fantastisch umgesetzt und für mich ein Paradebeispiel wie ein Hörbuch durch den Vortrag noch besser sein kann als es ein selber gelesenes Buch je sein könnte. Von mir eine absolute Hörempfehlung.

“Gut gegen Nordwind”, Autor: Daniel Glattauer, Sprecher: Andrea Sawatzki, Christian Berkel, HörbuchHamburg, 288 Minuten

Tolle Unterhaltung – „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“

51npm88ubaL._SS500_Ich mache es mir sonst nicht ganz so einfach, aber dieser Klappentext des Verlages fasst die Ausgangssituation einfach zu gut zusammen. Daher hier einfach mal als Zitat: „Es ist der Aufmacher jeder Nachrichtensendung. Im Garten des hochangesehenen Schriftstellers Harry Quebert wurde eine Leiche entdeckt. Und in einer Ledertasche direkt daneben: das Originalmanuskript des Romans, mit dem er berühmt wurde. Als sich herausstellt, dass es sich bei der Leiche um die sterblichen Überreste der vor 33 Jahren verschollenen Nola handelt und Quebert auch noch zugibt, ein Verhältnis mit ihr gehabt zu haben, ist der Skandal perfekt. Quebert wird verhaftet und des Mordes angeklagt. Der einzige, der noch zu ihm hält, ist sein ehemaliger Schüler und Freund Marcus Goldman, inzwischen selbst ein erfolgreicher Schriftsteller. Überzeugt von der Unschuld seines Mentors – und auf der Suche nach einer Inspiration für seinen nächsten Roman – fährt Goldman nach Aurora und beginnt auf eigene Faust im Fall Nola zu ermitteln…“

Wie ich auf dieses Buch gestoßen bin weiß ich gar nicht mehr. Irgendwann lief es mir über den Weg und ich war interessiert und habe es auf meine Merkliste gesetzt. Für mehr hat es nicht gereicht. Dort auf der Liste lag es dann eine Weile. Irgendwann, als ich „Koma“ von Jo Nesbø fertig hatte, war ich auf der Suche nach dem nächsten Buch. Also fing ich ohne viel Erwartungen mit „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ an. Und was soll ich sagen? Das Buch hat mich ziemlich schnell in seinen Bann gezogen. Auf der einen Seite ist es ein Krimi. Ein ziemlich kniffliger Krimi. Die Handlung nimmt so viele Wendungen dass es einem schwindlig werden kann. Auf der anderen Seite ist es aber auch eine Satire auf den Buchbetrieb und das Schreiben an sich. Beide Ebenen haben für mich prima funktioniert. Das wichtigste aber ist: das Buch ist verdammt gute Unterhaltung. Man möchte es irgendwann einfach nicht mehr aus der Hand legen und man möchte vor allem wissen was es denn nun auf sich hat mit dieser ganzen Geschichte.

Besonders gefallen hat mir das Kleinstadt-Feeling, dass ein wenig an Twin Peaks erinnert. Und natürlich auch die fantastischen Nebenfiguren. Natürlich Nola, über die man im Rückblick viel erfährt, aber auch so schillernde Figuren wie ein entstellter Chauffeur, eine ehrgeizige Diner-Betreiberin oder ein manchmal undurchsichtiger Polizeichef. Wirklich klasse.

Eines hat mich tatsächlich etwas genervt, Nola spricht Harry Quebert beständig mit „Sie“ an. Das wirkt merkwürdig und hölzern. Das mag aber auch an der Übersetzung liegen. Keine Ahnung.
Auch mag man dem Buch vorwerfen, dass es die eine oder andere Wendung zu viel nimmt. Am Ende war ich auch an einem Punkt an dem ich dachte „Noch eine?“. Manches was wohl als großer Clou geplant war ist für den versierten Krimileser leicht zu durchschauen. Auf anderes wäre ich im Leben nicht gekommen. Aber egal ob er vielleicht etwas übertreibt, egal ob manches etwas an den Haaren herbei gezogen ist. Ich bleibe bei meiner Aussage: das Buch ist verdammt gute Unterhaltung. Ich hatte einen unglaublichen Spaß beim hören und war immer neugierig wie es weiter geht. Von mir also eine absolute Empfehlung. Gerade für den Sommerurlaub kann man hier eigentlich nichts falsch machen.

Packend – „Koma“

nesbo-koma-hoerbuch-9783899038699 Ich bin nicht der weltgrößte Fan von Skanidinavien-Krimis. Ok, ich habe Stieg Larsson verschlungen und wünschte, er hätte vor seinem Tod mehr Bücher geschrieben. Ich habe einen Wallander gelesen und fand ihn nicht so, dass ich mehr brauchte. Jo Nesbø kannte ich nur vom stöbern bei Amazon und weil ich mich allgemein für die Krimi-Welt interessiere. Den Ausschlag es mit diesem Buch zu versuchen gab dann ein Interview von Christine Westermann bei SWR1-Leute. Also habe ich das Hörbuch ohne viele Erwartungen angefangen und was soll ich sagen? Jo Nesbø hat mich wirklich gepackt.

Worum geht es also? Das Buch spielt in Oslo. Direkt zu Beginn wird ein Polizist an den Tatort eines Jahre zurück liegenden Verbrechens gelotst bei dem er selber ermittelt hatte. Dort wird er ermordet. Und das ist nur der erste in einer Reihe von Morden an Polizisten. Alle werden ermordet an den Tatorten früherer Verbrechen, an deren Aufklärung (oder besser Nicht-Aufklärung) sie beteiligt waren. Die Polizei ermittelt, der neue Polizeichef von Oslo macht Druck, aber es gibt keine Verdächtigen. Parallel erfahren wir von einem mysteriösen Mann der in einem Osloer Krankenhaus im Koma liegt und von einem legendären Polizisten den alle (bis auf der Polizeichef) gerne bei den Ermittlungen dabei hätten, der aber nicht mehr zur Verfügung steht: Harry Hole.

Wichtig zu erwähnen ist, dass dies bereits der zehnte Band der Reihe um den Ermittler Harry Hole (übrigens vom Sprecher Uve Teschner „Hule“ ausgeprochen) ist. Das war für mich in sofern ein Problem, da viel der Handlung auf den früheren Büchern aufbaut und auch das Personal zumindest teilweise wohl aus diesen bekannt ist. Man hat zwar nie das Gefühl etwas nicht zu verstehen oder zu verpassen. Aber ich zumindest habe mich immer wieder gefragt „Ist das jetzt neu? Ist die Figur neu? Kennt man die von früheren Büchern?“. Das mag aber mein ganz privates Problem sein.

Ich fand das Buch sehr packend und spannend. Ich habe sofort Lust bekommen auch die früheren Bände zu hören. Leider gibt es die nicht und meine dahin gehende Anfrage beim Verlag wurde noch nicht beantwortet. Der Sprecher liest wirklich sehr gut und man hat den Eindruck er spricht die norwegischen Namen korrekt aus. Genau kann ich es nicht sagen, da ich kein norwegisch spreche. Aber es klingt sehr überzeugend. Ein Blick auf die Homepage des Sprechers weist Norwegisch auch nicht als eine der Fremdsprachen aus die er beherrscht.

Aber ich schweife ab. Jo Nesbø werde ich vor allem aus zwei Gründen sicher weiter verfolgen und ich werde gerne wieder zugreifen wenn es ein neues Hörbuch von ihm gibt. Erstens kann er fantastisch Spannung erzeugen und hat keine Scheu seine Figuren auch mal über die Klinge springen zu lassen. Das macht ihn einigermaßen unvorhersehbar. Aber zweitens und das ist der wichtigste Punkt: er weiß genau was der versierte Krimi-Fan erwartet. Er spielt mit eingeübten Mustern und Erwartungen, legt Spuren, unterstützt uns dann gezielt in der Annahme, es würde genau so kommen, fomuliert absichtlich zweideutig um uns dann eben doch an der Nase herum zu führen. Da werden Cliffhanger eingebaut und dann am Beginn des nächsten Kapitels absichtlich minutenlang so fomuliert, dass man annehmen muss Alternative A sei eingetreten, es ist aber dann doch B. Und dann durchbricht er das wieder in dem das was man hofft es möge nicht passiert sein eben doch passiert ist. Man hofft darauf, dass es wieder eine seiner Pirouetten ist, sie ist es dann aber nicht. Das habe ich in dieser Perfektion selten gelesen. Mich hat das begeistert und alleine schon deswegen wird der Name Jo Nesbø jetzt auf meinem Schirm bleiben.

Und danke Frau Westermann, die Empfehlung hat sich gelohnt.