Nicht meine Welt – „Kafka am Strand“

Kafka am StrandEiner meiner besten Freunde ist Buchhändler und zwischen uns sind Bücher, Hörbücher und Comics ein großes Thema. Mit ihm habe ich eine Art Pakt geschlossen. Da er mir seit Monaten von Murakami vorgeschwärmt hatte und mich zur Lektüre (respektive zur… zum hören) bewegen wollte, habe ich irgendwann kapituliert. Ich bot an, wenn er einem Hörbuch des von mir geliebten John Irving eine Chance geben würde, würde ich als nächstes „Kafka am Strand“ von Haruki Murakami hören. Bereitwillig ging er darauf ein und ich fühlte mich sicher, war ich doch noch mitten in den „Toren der Welt“ gefangen und Japan lag weit, weit entfernt. Zu meiner Überraschung hörte ich bald von ihm, dass ihm das von mir empfohlene „Witwe für ein Jahr“ sehr gut gefiel und mein aktuelles Hörbuch neigte sich auch langsam dem Ende. Ich musste also meinen Teil der Verabredung einhalten. Die Parallele, dass beide Hörbücher von Rufus Beck gelesen wurden, erleichterte uns beiden den Anfang bei den uns fremden Autoren.

Der 15 jährige Junge Kafka Tamura haut von zu hause ab. Er kann seinen Vater nicht mehr ertragen. Seine Mutter und Schwester sind schon lange aus seinem Leben verschwunden, denn die Mutter hat den Vater vor Jahren verlassen. Kafka will eigentlich nur weg, wohin ist ihm egal. Über viele Umwege lernt er Oshima und die viel ältere Saeki kenne, in die er sich verliebt.
Nakata ist das, was man geistig zurückgeblieben nennt. Er ist über 60, hatte nie Sex, spricht von sich in der dritten Person und kann mit Katzen sprechen. Auch ihn treibt es auf allerlei Umwegen auf eine Reise an einen Ort, von dem er nicht weiß, wo er ist und was er dort will.

Soweit ein Versuch, die durch und durch verwirrende und verworrene Handlung nach zu erzählen. Es ist so eines dieser Bücher bei denen ich schwanke zwischen „einfach nicht mein Ding“ oder „kapier ich das nur nicht?“.
Zuerst einmal, was mir gefallen hat. Ich mochte den Einblick, den mir das Buch in das moderne Japan gegeben hat. Davon hatte ich keine Ahnung, denn meine Informationen stammten noch hauptsächlich aus dem TV-Mehrteiler „Shogun“ und bedurften also dringend einer Modernisierung. Außerdem mochte ich die Figur Nakata sehr gerne und überhaupt den Handlungsstrang mit ihm und Hoshino.

Es überwiegen aber die anderen Stellen. Nakata kann beispielsweise mit Katzen reden (ein komisches Highlight als eine Katze die er anspricht ihn fragt „Oh, sie können sprechen?“). Es taucht eine Figur namens Johnny Walker auf, die Katzen tötet um aus ihren Seelen eine Flöte (!) zu bauen. Weiter gibt es Geister, Colonel Sanders (der von KFC) taucht auf, sprechende Steine kommen vor usw. Ich war immer öfter ratlos und fragte mich „Was soll das alles?“. Es störten mich weniger die mystischen Wendungen als vielmehr, dass das alles hinten und vorne nicht zusammen passte. Nakata kann es plötzlich Fische und Blutegel regnen lassen, tut das zweimal und danach taucht diese Fähigkeit nie wieder auf. Die Figur des Colonel Sanders ist ein reinrassiger „deus ex machina“, der immer dann auftaucht, wenn die Protagonisten etwas bestimmtes brauchen um dann genau das zu liefern. Und nicht zuletzt werden ganzen Handlungsstränge und wichtige Ereignisse nie zu Ende geführt oder aufgelöst.

Das mögen alles Kunstgriffe sein die zum magischen Realismus gehören. Mich haben sie mehr und mehr genervt. Vielleicht erkenne ich auch nur die philosophische Tiefe dieses Werkes nicht, das mag sein. Mein Freund mochte John Irving gerne und will sich wohl bald mal wieder einen seiner Romane von mir leihen. Ob ich noch einmal zu Murakami greife ist derzeit eher fraglich.

„Kafka am Strand“, Autor: Haruki Murakami, Sprecher: Rufus Beck, Deutsche Grammophon, Ungekürzte Lesung, 17 CDs, 1260 Minuten