Grauenvoll schlecht – „Totenfrau“

totenfrau

Dieses Buch war offenbar ein Bestseller. Es hat bei Amazon zum Teil begeisterte Kritiken. Mittlerweile sind zwei Nachfolgebände erschienen. Und die Bücher sollen nun wohl auch verfilmt werden. Mir ist das alles ein Rätsel.

Das Buch handelt von der Bestatterin Blum. wir lernen sie kennen als sie die Adoptiveltern ertrinken lässt, die sie als Kind misshandelt haben. So weit so gut. Sie heiratet, bekommt zwei Kinder, übernimmt das Bestattungsunternehmen und ist glücklich. Dann wird ihr Mann überfahren und ab da gerät ihr Leben aus den Fugen. Sie geht auf eine Rache-Tour um die schuldigen am Tod ihres Mannes zu bestrafen.

SPOILER-WARNUNG

Dieses Buch ist ein Rache-Porno. Das muss man mögen und ich habe üblicherweise gar nichts dagegen. „Der Graf von Monte Christo“ ist ein Klassiker in dem es fast nur um Rache geht und ich finde es eine der stärksten Geschichten der Literatur. „Kill Bill“ oder „96 Hours“ sind gelungene Genre-Filme die großartig unterhalten. Die Moral hinter Selbstjustiz ist natürlich fragwürdig. Aber hey, es geht hier um Unterhaltung. Das ist also wirklich nicht mein Problem.

Aber zum ersten fand ich den Stil in dem der Autor schreibt furchtbar. Katastrophal. Er reiht einen Hauptsatz an den anderen. Ein Stakkato dass wohl Stilmittel sein soll aber dabei nur unglaublich ermüdet und nervt. Kann es der Autor nicht besser? Soll das ein Gag sein oder uns die Getriebenheit der Hauptfigur verdeutlichen? Ich weiß es nicht. Es ist mir nach diesem Buch auch egal, denn ein zweites dieses Autors werde ich mir nicht antun.

Und dann die Marotte mit den Namen. Gefühlt alle zwei Minuten muss der arme Christian Berkel als Interpret des Hörbuchs Dinge sagen wie „Mark. Blum. Blum und Mark. Mark und Blum. Blum und Mark und die Kinder. Die Kinder, Mark und Blum.“ Und ich übertreibe hier nicht. Mit JEDER Figur in diesem Buch gibt es diese nervtötenden Aufzählungen. „Blum und Massimo, Massimo und Blum“ oder „Reza. Blum. Reza und Blum. Blum und Reza.“ Es ist unfassbar und man müsste lachen, wenn es einem nicht so unfassbar auf die Nerven ginge. Und zu lachen gibt es sowieso nichts in diesem Buch. Denn Sprachwitz sucht man sowieso vergebens.
Irgendwann keimte in mir der Verdacht, dass das Buch entweder von einem schlechten Schreib-Bot oder dem achtjährigen Neffen des Autors geschrieben wurde. Spätestens jetzt tat es mir Leid, dass ich dafür Geld ausgegeben hatte.

Aber das ginge ja alles noch, wenn die Handlung wenigstens spannend wäre. Oder überraschend. Oder zumindest originell.

Mark, der Ehemann der erwähnten Blum hat in den Wochen vor seinem Tod eine Frau interviewt. Dunja. Dunja und Mark. Mark und Dunja. Entschuldigung, ich konnte mich nicht zurück halten…
Mark hat Dunjas Vertrauen gewonnen und sie hat ihm ihre Geschichte erzählt. Aus Osteuropa als billige Arbeitskraft nach Österreich gekommen, arbeitete sie in einem Hotel in Tirol. Bis sie entführt wird und zusammen mit einer anderen jungen Frau und einem jungen Mann fünf Jahre in einem Keller in Käfigen gefangen gehalten wurde. Dort wurde sie von den Männern immer wieder vergewaltigt und anderweitig misshandelt. Irgendwann kommt sie frei, sie trifft Mark, erzählt ihm von ihren Peinigern und der verspricht ihr zu helfen. Er verspricht die Schuldigen zu bestrafen. Dann wird Mark ermordert. Massimo, der beste Freund und Vorgesetzte von Mark kümmert sich rührend im Blum. Blum spürt Dunja auf, diese sagt ihr, dass Mark bestimmt von den Tätern ermordet wurde und ohne den leisesten Beweis ist das für beide ein Fakt.

Binnen gefühlten Minuten hat Blum den ersten Täter aufgespürt. Denn der ist der Sohn des Hotelbesitzers in dem Dunja gearbeitet hat. Raffinierter wird es in diesem Krimi nicht mehr. Blum tötet den Mann um hinterher festzustellen, dass er wirklich einer der Täter war. Sofort findet sie auch den zweiten Täter. Dunja hatte ihn den „Priester“ genannt und, oh Wunder, es ist der Dorfpfarrer. Platter geht es kaum. Auch er stirbt natürlich und auch hier stellt sich hinterher heraus, ja, er war einer der Täter. Spannend hätte ich es ja gefunden, wenn sie mal versehentlich einen Falschen erwischt hätte.

Der nächste auf der Todesliste ist der Peiniger den die Opfer den „Koch“ genannt haben. Und ja, man ahnt es, es ist der Koch des oben genannten Hotels. Man merkt, es ist eine Verschwörung von unfassbarer „Raffinesse“. Sogar ein Dreijähriger hätte sie aufdecken können. Keine Ahnung wieso es Mark nicht gelungen ist. So sterben also nach und nach die beteiligten an diesem Komplott. Natürlich hat Blum keinen Beweis dafür, dass Mark wirklich von diesen Männern ermordet wurde. Aber wer braucht die schon?

Am Ende ist natürlich Massimo einer der fünf Täter. Der beste Freund. Der, mit dem Blum nach dem Tod von Mark geschlafen hat. Er ist der, der den Mord an Mark geplant und begangen hat. Aber da sich das alles das ganze Buch über ankündigt ist das in etwa so überraschend wie der Fakt, dass er ebenfalls von Blum getötet wird.

Was ich WIRKLICH gut gefunden,w as mich fast mit dem Buch versöhnt hätte, wäre gewesen wenn sich am Ende heraus gestellt hätte, dass Marks Tod nur ein Unfall war. Das wäre eine böse Wendung gewesen vor der ich meinen Hut gezogen hätte. Aber das hat sich der Autor wohl nicht getraut. Schließlich musste es ja Fortsetzungen geben und die wären mit einer Mörderin die „ohne Grund“ mordet wohl nicht so gut angekommen.

Ich denke es ist klar geworden, das Buch ist durch und durch furchtbar. Die Handlung ist völlig unglaubwürdig und durchsichtig. Die Charakterzeichnungen ein Witz. Der Stil muss eine Art Parodie sein, denn ernst kann das keiner meinen. Mir ist völlig unklar, wem dieses Buch gefallen soll. Aber scheinbar gibt es ja genügend Leute die es mochten.

Außer dass ich mir Leid tat dieses Buch zu ertragen, tat mir am meisten Christian Berkel Leid. Er ist ein fantastischer Schauspieler. Aber wer sich mühen muss solche Sätze vorzulesen, der ist wirklich zu bedauern.

“Totenfrau”, Autor: Bernhard Aichner, Sprecher: Christian Berkel, Random House Audio, Ungekürzte Lesung, 508 Minuten

Zwiespältig – „Die Korrekturen“

franzen-korrekturenZwiespältig sagt eigentlich alles aus. Ich kann nicht sagen dass mir das Buch wirklich gefiel. Ich werde die Geschichten und Figuren aber auch sicher nicht so bald vergessen. Es besteht keine Gefahr, dass ich das Buch noch einmal höre. Aber es ist beeindruckend.

Der Einstieg ist nicht leicht. Es geht um Alfred und Enid Lambert, ein älteres Ehepaar und ihre drei erwachsenen Kinder Garry, Chip und Denise. Alfred, der früher der Tyrann der Familie war altert rapide und wird dement. Seine Frau weigert sich das zu akzeptieren und möchte nur eines: ein großes Weihnachtsfest mit der ganzen Familie. Chip ist ein gefeuerter College-Professor mit einem ungesunden Hang zu jungen Frauen. Garry ein Banker mit Frau und drei Kindern dessen Ehe nur dann gut zu laufen scheint wer er tut was seine Frau verlangt. Und Denise ist Köchin in einem angesagten Restaurant und hat einen ebenfalls ungesunden Hang zu verheirateten Männern und Frauen.

Jedem der fünf ist ein Teil des Buches gewidmet, man erfährt viel über ihre Leben, Sorgen, Neurosen, Katastrophen, Wünsche, Fehlschläge und Glücksmomente. Ein echter Familienroman eben. Das Leben der Familie wird zusammen mit einem Großteil ihrer Vergangenheit ausgebreitet. Und das wirkt anfangs furchtbar konfus. Man versteht weder was die Figuren tun, warum sie es tun oder was sie wollen. Erst nach und nach, und damit meine ich etwa ab der Hälfte dieses sehr langen Buches, beginnt man zu verstehen. Und dann gibt es auch ein paar Momente wo wir Dinge die völlig unverständlich schienen plötzlich begreifen. Zum Beispiel warum Alfred zum völligen Unverständnis seines Sohnes Garry zwei Jahre vor der Pensionierung einfach gekündigt und so auf einen Teil seiner Rente verzichtet hat. Aber dieses Aha-Momente sind für mich viel zu selten.

Mein Problem mit diesem Buch war aber vor allem eines: ich fand diese fünf Menschen allesamt ziemlich bis sehr unsympathisch. Garry und seine ganze Familie sind zum kotzen. Alfred ist ein Tyrann den man hassen könnte. Enid das Klischee einer bigotten, einer heilen Welt nach hängenden und „so etwas tut man nicht“ stammelnden Karikatur einer Mutter. Chip ist meistenteils ein weinerlicher Waschlappen. Einzig Denise ist einigermaßen sympathisch.
Sicher, die Figuren machen Entwicklungen durch und gewinnen dabei auch teilweise Sympathiepunkte. Aber das nur sehr bedingt. Und 24 Stunden Hörbuchzeit mit Figuren denen man dauernd sagen möchte „Mein Gott, gehst Du mir auf die Nerven“, können sehr sehr lang werden. Ein Buch hätte ich nach nicht einmal der Hälfte weg gelegt und nie wieder angefasst.

Natürlich hat das Buch seine Stärken. Das Grundthema ist meiner Meinung nach, wie fremd sich Eltern und Kinder sind. Wie wenig Eltern und Kinder übereinander wissen und zu welchen Verwicklungen das führen kann. Natürlich enthält das Buch, gerade in der Figur des Chip einiges an Gesellschaftskritik. Einige Passagen sind auch durchaus komisch und unterhaltsam. Aber da bin ich persönlich bei den tragikomischen Episoden aus John Irving-Romanen dann einfach besser aufgehoben.

Wirklich beeindruckend und damit das was ich von diesem Buch ganz sicher mit nehmen werde, ist die Schilderung der Demenz von Alfred. Dieses immer tiefere abgleiten und immer mehr den Kontakt zur Realität verlieren. DAS hat mich wirklich ergriffen und wenn auch nicht begeistert (auf Grund der Thematik), dann doch tief beeindruckt. Diese Schilderung über die ganze Länge der Geschichte beschäftigt einen und ist sehr beeindruckend.

Warum alle Welt diesen Roman so lobt kann ich nicht nachvollziehen. Für mich war er nichts. Ich muss aber zugeben, dass er deutlich besser war, als ich nach der ersten Hälfte dachte. Da war ich kurz davor aufzugeben. Aber je mehr man in die Familie und ihre Geschichte hinein findet, desto mehr gewinnt das Buch. Wirklich gut wird es aber dennoch nie.
Den Autor Jonathan Franzen finde ich weiter interessant und werde es vielleicht noch einmal mit ihm probieren. Aber sicher nicht so schnell.

Sascha Rotermund hatte mir ja bereits bei „Der Sohn“ gut gefallen. Auch hier liest er ganz hervorragend. Vor allem wie er die ewig langen und verschachtelten Sätze Franzens so vorträgt, dass man ihnen folgen kann ist bemerkenswert. Wirklich hervorragend.

“Die Korrekturen”, Autor: Jonathan Franzen, Sprecher: Sascha Rotermund, Der hörverlag, Ungekürzte Lesung, 1482 Minuten

Fantasy auf gutem Niveau – „Das Geheimnis der großen Schwerter“

61w29QDzLvL._SL300_Der alte und weise König Johan, genannt „Der Priester“ stirbt und hinterlässt zwei Söhne. Den älteren Elias und den jüngeren Josua. Elias besteigt den Thron von Osten Ard und in kürzester Zeit beginnt das Reich, dass sein Vater geeint und über so lange Zeit mit Weisheit und Güte regiert hat zu zerfallen. Unheimliche Himmelphänomene tauchen auf, Plagen und Hungersnöte und Gerüchte über Spukgestalten aus alten Sagen die zum Leben erweckt worden sein sollen. Das Verhältnis der Brüder zueinander, dass immer gespannt war, wird immer schlechter bis es zum offenen Bruch kommt. In diese und viele andere unheimliche Begebenheiten gerät unfreiwillig der Küchenjunge Simon. Als Waisenkind auf der Burg des Königs aufgewachsen und von deinem Lehrmeister Doktor Morgenes ausgebildet flieht er schließlich vor dem Ratgeber des Königs, dem düsteren Priester Pryrates und ein episches Abenteuer beginnt. Ein Abenteuer in dessen Verlauf Reiche zerfallen, Kriege ausbrechen, mythische Völker auftauchen und das Geheimnis der großen Schwerter gelöst werden muss.

Eines vorweg, mir haben die Bücher wirklich Spaß gemacht. Ich war gefesselt und konnte vor allem am Ende nicht mehr ausschalten weil ich wissen wollte wie es ausgeht. Ich liebe epische Fantasy und die wird hier nun wirklich geboten.

Sicher hat die Geschichte einige Längen. Auf einige „Schlenker“ die der Autor macht hätte ich verzichten können (Skodi, die Entführung von Tiamak oder das ewige Herumirren in unterirdischen Gängen). Auch gingen mit zwischenzeitlich einige der Macken der Hauptfiguren etwas auf die Nerven. Aber am Ende war ich auch damit versöhnt. Die Motive von Pryrates und vor allem Elias bleiben lange im Dunkeln. Von Elias sind sie mit eigentlich gar nicht klar geworden und ob man mit der Auflösung der Geschichte um die Schwerter am Ende zufrieden ist muss jeder selber wissen. Ohne etwas zu verraten fand ich diesen Teilaspekt etwas platt. Aber auch das hat mein Vergnügen an diesen Büchern nicht merklich geschmälert.
Was mich wirklich begeistert hat ist die Welt die Tad Williams uns hier zeigt. Die Rimmersmänner, Nabbanai, Hernystiri, Sithi, die Bewohner der Thirthinge oder die Qanuc. Die ganze Geschichte von Osten Ard um frühere Könige wie Elvrit, Fingil und Eahlstan. Wie es sich für gute epische Fantasy gehört hat Tad Williams hier eine ganze Welt samt ihrer Geschichte, Mythen, Geheimnisse und Religionen erschaffen. Parallelen zu unserer Welt sind dabei vom Autor beabsichtigt. So hat die ädonitische Religion bis hin zu ihrem Oberhaupt und seinem Sitz klare Ähnlichkeiten mit dem Christentum. Und die Sithi kamen mir beim Lesen immer etwas vor wie die edlen Indianer aus Wildwestromanen. Insgesamt war es also Osten Ard selber dass mich neben der Hauptgeschichte fasziniert hat.
Dazu kommen fantastische Charaktere die wirklich lebendig werden. Mein persönlicher Liebling ist dabei der Qanuc Binabik. Aber auch Josua in seiner unfreiwilligen Führungsrolle und der Hernystiri Eolair gefielen mir gut.

Die Bücher erschienen im englischen Original (dort als „Memory, Sorrow, and Thorn“) zwischen 1988 und 1993. Sie sind also nicht taufrisch. So wirken sie auf mich auch an manchen Stellen etwas altbacken. Vor allem im Vergleich zu den Büchern von George R.R. Martin und Joe Abercrombie. Die „First Law“-Reihe von Abercrombie fand ich zwar insgesamt nicht besser als „Das Geheimnis der großen Schwerter“, aber er bringt dort definitiv ganz neuen Wind in ein manchmal etwas angestaubtes Genre. Und George R.R. Martin ist für mich sowieso der König des Genres. Seine Bücher der Reihe „Das Lied von Eis und Feuer“ (inzwischen auch bekannt als „Game of Thrones“) sind der aktuelle Maßstab für epische Fantasy. Übrigens hat aber gerade dieser Autor Tad Williams und „Das Geheimnis der großen Schwerter“ mehrfach als Inspiration für seine eigenen Bücher genannt.

Vor wenigen Monaten hat Williams bekannt gegeben, dass er nach Osten Ard zurückkehren und eine Fortsetzung zu den vorliegenden Büchern schreiben wird. Man darf also gespannt sein.

Unbedingt zu erwähnen ist noch der Sprecher. Andreas Fröhlich liefert hier in meinen Augen eine Meisterleistung ab. Verschiedene Stimmen, Tonlagen, Dialekte und sonstige Kniffe lassen alle Charaktere lebendig und einzigartig werden.
Ich bin quasi mit seiner Stimme aufgewachsen, denn er spricht seit Kindertagen den „Bob Andrews“ in der Hörspielserie „Die drei Fragezeichen“. Hier zeigt er sein wahres Können und steigt damit für mich in meinen persönlichen Sprecher-Olymp auf in dem bisher einzige Christian Brückner und David Nathan wohnten. Jungs, ihr bekommt einen neuen Mitbewohner.

“Das Geheimnis der großen Schwerter” Band 1 – 4, Autor: Tad Williams, Sprecher: Andreas Fröhlich, der hörverlag, Ungekürzte Lesung, 8146 Minuten