Kurzbesprechungen 2015/01

Amy und Nick Dunne sind von der Finanzkrise gebeutelt, arbeitslos und ziehen von New York in seine Heimatstadt nach Missouri. Ihre kriselnde Beziehung unter anderem auch darunter, dass Amy als geborene New Yorkerin sich schwer tut im provinziellen Missouri zu leben. An ihrem fünften Hochzeitstag verschwindet Amy spurlos und schnell gerät Nick in den Verdacht hinter ihrem Verschwinden zu stecken…

Erzählt wird die Geschichte von Amy und Nick aus zwei Ich-Perspektiven. Von Nick erfahren wir den Fortgang der aktuellen Handlung zum Zeitpunkt des Verschwindens von Amy. Sie wiederum lernen wir aus Tagebucheinträgen kennen die etwa dann einsetzen als Sie Nick kennen lernt und dann immer näher an die aktuelle Handlungszeit heran kommt. Wem wir glauben, wen wir mögen, das macht uns die Autorin nicht einfach. Beide taugen nicht als „Held“ oder Identifikationsfigur. Viel mehr kann man über die Handlung kaum verraten ohne zu viel preiszugeben.

Ich mochte das Buch, es hat mich aber nicht mitgerissen. Am Ende ist man relativ fassungslos und fragt sich ob diese „Mann-Frau-Geschichte“ wirklich so eine gute Idee ist. Das Buch ist lohnenswert aber nicht der absolute Knaller.
Wirklich sehr gut machen das Hörbuch allerdings die beiden Schauspieler Matthias Koeberlin und Christiane Paul. Wirklich fantastisch. Vor allem Christiane Paul, die ich vorher als Interpretin eines Hörbuchs noch nicht kannte, fand ich großartig. Also wie so oft hat das Hörbuch für mich durch den Vortrag auf jeden Fall einen deutlichen Mehrwert gegenüber dem gedruckten Buch.

“Gone Girl”, Autor: Gillian Flynn, Sprecher: Matthias Koeberlin und Christiane Paul, argon hörbuch, 1056 Minuten


mr-mercedes

In einer von der Wirtschaftskrise gebeutelten Kleinstadt in den USA stehen mitten in der Nacht Hunderte Arbeitsuchende Schlange für eine am nächsten Morgen stattfindende Jobbörse.eingefunden. Ohne Vorwarnung rast ein Mercedes mit voller Absicht in die wartende Menge und tötet und verletzt Dutzende Menschen.
Monate später ist der leitende Detective Bill Hodges pensioniert. Aber sein letzter Fall lässt ihn nicht los. Da flattert ihm ein anonymer Brief ins Haus und der Absender behauptet der Mercedes-Killer zu sein…

Stephen King schreibt schon lange nicht mehr „nur“ Horror-Romane. Dieses Buch ist eher ein klassischer Thriller und dabei doch ein „echter“ King. Schnell erfährt der Leser wer Mr. Mercedes ist und zwischen ihm und Bill Hodges entspinnt ein gefährlicher und spannender Zweikampf.
Ich fand das Buch wieder großartig. Es ist spannend, es beinhaltet viele der klassischen King-Motive. So kommt auch hier die Gefahr für unseren geregelten Alltag mitten aus dem „normalen“ und alltäglichen. Auch setzt er wieder sein bekanntes Stilmittel ein uns aus harmlosen Beschreibungen heraus unerwartet einen Blick in die schrecklichen nahenden Ereignisse zu gewähren („…ehe er wenige Minuten später seinen linken Arm verlieren sollte…“). Und wie auch schon so oft gibt es für die vielen Fans Querverweise und Anspielungen auf frühere King-Bücher und -Geschichten.

Wer also King mag und keinen Horror im Stil von „Friedhof der Kuscheltiere“ erwarte ist hier bestens bedient. Der Meister zeigt hier das er packende Thriller spielend drauf hat und auch damit wirklich überzeugen kann. An mein Lieblingsbuch der jüngeren King-Werke „Der Anschlag“ kommt „Mr. Mercedes“ aber nicht heran.
Das David Nathan großartig vorträgt ist selbstverständlich. Für mich ist er einfach ein Meister seines Fachs.

“Mr. Mercedes”, Autor: Stephen King, Sprecher: David Nathan, Random House Audio, 998 Minuten


Ein junger Mann ist tot. Niemand scheint ihn wirklich gekannt zu haben, niemanden wundert sein Tod und nur Paola Brunetti will mehr wissen über diesen behinderten jungen Mann, den sie vom Sehen aus ihrer Wäscherei kannte. Also muss ihr Mann Commissario Brunetti ermitteln…

Ich möchte gar nicht viel zu diesem Buch sagen. Seit Jahren denke ich jedes Jahr „das war jetzt der letzte Brunetti“. Aber dann werde ich doch rückfällig. Mal sehen ob ich meine Lektion jetzt gelernt habe. Dieses Buch ist kein Krimi. Donna Leon schriebt eigentlich schon lange keine Krimis mehr sondern Sozialstudien. Als solche sind ihre Bücher vielleicht ganz gut. Mein Fall sind sie nicht mehr wirklich.
Den Rest hat mir der Interpret gegeben. Ich kannte Joachim Schönfeld vorher nicht und habe nicht das Verlangen noch ein Buch von ihm zu hören. Uninspiriert und einschläfernd. Mehr fällt mir zu seinem Vortrag nicht ein. Eine Jammer für eine Reihe in der schon Sprecher wie Christoph Lindert, Jochen Striebeck oder Achim Höppner gelesen haben.

“Das goldene Ei”, Autor: Donna Leon, Sprecher: Joachim Schönfeld, Diogenes, 536 Minuten


John Grisham habe ich gelesen als er mit „Die Firma“ noch eine Art Entdeckung und Newcomer war. Nach ein paar Büchern habe ich dann das Interesse verloren. Jetzt, ca. 20 Jahre später habe ich mit „Das Komplott“ und „Die Erbin“ mal wieder zwei Grisham zur Hand genommen und was soll ich sagen? Er kann es durchaus noch. Sehr unterhaltsam.
Es hat sich aber dennoch einiges verändert. Wo früher die Anwälte Helden waren und für das Gute kämpften ist hier alles nicht mehr nur schwarz und weiß. Unser Held sitzt im Gefängnis, Politiker und Justiz sind korrupt und überhaupt ist das Land seit damals bei John Grisham ziemlich den Bach runter gegangen. Aber insgesamt tut das seinen früher etwas klinisch-reinen Büchern durchaus gut. Über die Geschichte will ich nicht viel verraten. Es ist eine nette Räubergeschichte die sich sicher sofort gut verfilmen ließe. Nett, aber auch nicht mehr.
Charles Brauer als Leser macht das ebenfalls sehr routiniert und gut aber auch nicht überragend.

“Das Komplott”, Autor: John Grisham, Sprecher: Charles Brauer, Random House Audio, 868 Minuten


„Die Erbin“ hat mich dann schon deutlich mehr begeistert. John Grisham kehrt hier zurück zum Setting seines Buches „Die Jury“, dass schon damals sein eindeutig bestes war. Die Handlung setzt drei Jahre nach dem Prozess gegen Carl Lee Hailey ein und wieder ist Jake Brigance unser Held. Der schwer kranke Unternehmer Seth Hubbard nimmt sich das Leben und hinterlässt in einem von zwei Testamenten sein ganzes Vermögen seiner schwarzen Haushälterin. Sofort kocht die Gerüchteküche, die entfremdeten Verwandten sind entsetzt und fechten das Testament an und mitten drin steckt Jake Brigance als von Hubbard per letztem Willen eingesetzter Testamentsvollstrecker.
Das Buch ist kein Thriller. Es geht tatsächlich um den Nachlass des verstorbenen Millionärs und die Hintergründe der Familien der Beteiligten. Ja, das Buch ist etwas lang geraten. Aber Grisham zeigt hier alles was schon „Die Jury“ besser gemacht hat als seine späteren Bücher. Es geht auch um Dinge die die USA nicht gerne beleuchten. Blanken Rassenhass, Vorurteile, frühere Lynchjustiz usw. Das hat mich gepackt und bis zum Schluss interessiert. Sollte Jake Brigance mal wieder zurück kommen, ich wäre wieder dabei.

“Die Erbin”, Autor: John Grisham, Sprecher: Charles Brauer, Random House Audio, 1463 Minuten

Lässt sich langsam an, aber dann… – „In einer Person“

ineinerpersonIch gebe zu, dieses Mal habe ich eine ganze Weile gefremdelt mit dem „Neuen Irving“. Auch Charles Brauer als Sprecher gefiel mir nicht von Anfang an. Aber mit der Zeit, je länger ich der Handlung folgte und je mehr ich verstand worum es eigentlich ging, gefiel es mir immer besser. Und am Ende mochte ich das Buch und vor allem seine Aussage. Es wird nicht mein Lieblingsbuch von John Irving. Aber er bleibt auch mit diesem Roman ganz weit vorne auf der Liste meiner Lieblingsautoren.

Aber worum geht es nun? Wie gesagt, dass ich Anfangs gar nicht so leicht zu erklären. Es geht um die Lebensgeschichte das beinahe unehelich geborene William Dean, den seine Freunde Billy oder Bill nennen und der später den Nachnamen seines Stiefvaters, Abbott, annimmt. Er wächst in der (erfundenen) Kleinstadt First Sister in Vermont auf. Der leibliche Vater ist (wie so oft bei John Irving) nicht anwesend und er wächst mit Mutter, Tante, Onkel und Großeltern auf. Dazu kommt bald ein Stiefvater, besagter Richard Abbott. Die Familie in der er aufwächst ist merkwürdig. Gesprochen wird nicht viel. Über seinen Vater erfährt er nur bruchstückhafte Anekdoten. Den Vater habe die Mutter verlassen als sie ihn dabei erwischte wie er „eine andere Person“ geküsst habe. Ansonsten schweigt man sich über den Vater und über so ziemlich alles aus. Großmutter und Tante sind herrisch und bigott. Die Mutter zunehmend verrückt. Einziger Halt innerhalb der Familie ist Grandpa Harry, der am Theater bevorzugt Frauenrollen spielt im wahren Lebens aber ein Sägewerk besitzt und eben besagter Richard der als Englischlehrer in örtlichen Internat anfängt.
Und da ist natürlich Miss Frost. Als der 14-jährige Billy ihr begegnet begehrt er sie sofort. Im Buch heißt es „Ich wollte Schriftsteller werden und Sex mit Miss Frost haben. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.“
Etwa die erste Hälfte des Buches handelt von der Zeit in den 50er Jahren als Billy Abbott 14 ist und bis er schließlich mit 19 seine Heimatstadt verlässt um nach New York zu gehen. Billy geht auf das Internat an dem sein Stiefvater Lehrer ist. Es gibt zahllose Theater-Inszenierungen, er lernt seine beste Freundin Elaine kennen. Beide schwärmen für den Star der Ringermannschaft der Schule. Erst machen Billy und Elaine eine quasi sexuelle Erfahrung miteinander, dann wird Elaine vom Ringer-Star Kittredge schwanger und wird zur Abtreibung nach Europa geschickt. Billy ist sowohl verliebt in Miss Frost als auch in Kittredge und je mehr sich seine bisexuelle Neigung zeigt, desto komplizierter und belasteter wird die Beziehung zu seiner Mutter.

William Abbott studiert in Wien, reist mit einem Freund durch Europa und liest ihm dabei „Madame Bovary“ vor. Er wird Schriftsteller wie er es als 14-jähriger schon Miss Frost angekündigt hatte. Er hat Beziehungen mit Männern, Frauen und auch einigen die sich ein keine der beiden Kategorien einordnen lassen. Auch Elaine und Billy versuchen sich als Paar, stellen aber bald fest, dass sie als Freunde besser harmonieren. Dann trifft die AIDS-Epidemie Amerika und William Abbott muss zusehen wie fast alle seiner Freunde sterben. Er fühlt sich schuldig weil er am Leben bleibt. Unsentimental und präzise zeigt Irving das Zerstörungswerk einer Krankheit die völlig unkontrolliert wütete. Hier hat das Buch fraglos seine stärksten Momente.

Es fällt wie gesagt schwer das alles (es sind über 24 Stunden Hörbuch-Zeit) in eine knappe Zusammenfassung zu pressen. Es ist eine ausufernde Geschichte und das Leben der Hauptfigur gibt auch eine Menge her. Man hat den Eindruck, dass die Handlung eine Weile ihren Weg sucht ehe sie in Schwung kommt. Aber auf der anderen Seite passt das auch wieder gut zu Billy Abbott der auch lange sucht, bis er am Ende seinen Weg und seinen Platz im Leben gefunden hat.

Etwas gestört haben mich die viele Zeitsprünge und Vorgriffe in die Zukunft. Aus der Schulzeit am Internat springt die Geschichte nach Wien zur Studienzeit und wieder zurück um dann weit nach vorne und nach San Francisco zu springen wo Billy und Elaine eine Weile miteinander leben und wieder zurück ins Internat. Daraus ergeben sich einige nette Aha-Erlebnisse, aber ich fand es leider auch manchmal sehr unruhig.

Dieser Roman feiert das Leben und er ist ein Plädoyer für Toleranz und Akzeptanz. Hier lieben Männer andere Männer, Männer Frauen, Frauen Frauen, Frauen auch Männer, Ältere lieben Jüngere, alles ist erlaubt und Irving zeigt uns, dass es gut so ist. Am Ende des Buches, William Abbott ist mittlerweile Ende sechzig, wirft ihm ein Junger Mann vor: „Sie erschaffen diese Figuren, die sexuell so anders sind, wie Sie das nennen mögen – oder abgefuckt, wie ich sie nennen würde – und erwarten dann, dass wir Verständnis für sie haben oder sie uns leid tun oder sowas.“ Worauf er antwortet „Ja, das mache ich, mehr oder weniger“ und ihm dann wortwörtlich das hinterher ruft, was ihm Miss Frost als Teenager schon gesagt hatte: „Mein lieber Junge, bitte stecke mich nicht in eine Schublade. Ordne mich nirgends ein, bevor du mich überhaupt kennst.“
Das kann man getrost als zentrale Aussage des Romans sehen.

“In einer Person”, Autor: John Irving, Sprecher: Charles Brauer, Random House, Ungekürzte Lesung, 1452 Minuten