Packend – „Koma“

nesbo-koma-hoerbuch-9783899038699 Ich bin nicht der weltgrößte Fan von Skanidinavien-Krimis. Ok, ich habe Stieg Larsson verschlungen und wünschte, er hätte vor seinem Tod mehr Bücher geschrieben. Ich habe einen Wallander gelesen und fand ihn nicht so, dass ich mehr brauchte. Jo Nesbø kannte ich nur vom stöbern bei Amazon und weil ich mich allgemein für die Krimi-Welt interessiere. Den Ausschlag es mit diesem Buch zu versuchen gab dann ein Interview von Christine Westermann bei SWR1-Leute. Also habe ich das Hörbuch ohne viele Erwartungen angefangen und was soll ich sagen? Jo Nesbø hat mich wirklich gepackt.

Worum geht es also? Das Buch spielt in Oslo. Direkt zu Beginn wird ein Polizist an den Tatort eines Jahre zurück liegenden Verbrechens gelotst bei dem er selber ermittelt hatte. Dort wird er ermordet. Und das ist nur der erste in einer Reihe von Morden an Polizisten. Alle werden ermordet an den Tatorten früherer Verbrechen, an deren Aufklärung (oder besser Nicht-Aufklärung) sie beteiligt waren. Die Polizei ermittelt, der neue Polizeichef von Oslo macht Druck, aber es gibt keine Verdächtigen. Parallel erfahren wir von einem mysteriösen Mann der in einem Osloer Krankenhaus im Koma liegt und von einem legendären Polizisten den alle (bis auf der Polizeichef) gerne bei den Ermittlungen dabei hätten, der aber nicht mehr zur Verfügung steht: Harry Hole.

Wichtig zu erwähnen ist, dass dies bereits der zehnte Band der Reihe um den Ermittler Harry Hole (übrigens vom Sprecher Uve Teschner „Hule“ ausgeprochen) ist. Das war für mich in sofern ein Problem, da viel der Handlung auf den früheren Büchern aufbaut und auch das Personal zumindest teilweise wohl aus diesen bekannt ist. Man hat zwar nie das Gefühl etwas nicht zu verstehen oder zu verpassen. Aber ich zumindest habe mich immer wieder gefragt „Ist das jetzt neu? Ist die Figur neu? Kennt man die von früheren Büchern?“. Das mag aber mein ganz privates Problem sein.

Ich fand das Buch sehr packend und spannend. Ich habe sofort Lust bekommen auch die früheren Bände zu hören. Leider gibt es die nicht und meine dahin gehende Anfrage beim Verlag wurde noch nicht beantwortet. Der Sprecher liest wirklich sehr gut und man hat den Eindruck er spricht die norwegischen Namen korrekt aus. Genau kann ich es nicht sagen, da ich kein norwegisch spreche. Aber es klingt sehr überzeugend. Ein Blick auf die Homepage des Sprechers weist Norwegisch auch nicht als eine der Fremdsprachen aus die er beherrscht.

Aber ich schweife ab. Jo Nesbø werde ich vor allem aus zwei Gründen sicher weiter verfolgen und ich werde gerne wieder zugreifen wenn es ein neues Hörbuch von ihm gibt. Erstens kann er fantastisch Spannung erzeugen und hat keine Scheu seine Figuren auch mal über die Klinge springen zu lassen. Das macht ihn einigermaßen unvorhersehbar. Aber zweitens und das ist der wichtigste Punkt: er weiß genau was der versierte Krimi-Fan erwartet. Er spielt mit eingeübten Mustern und Erwartungen, legt Spuren, unterstützt uns dann gezielt in der Annahme, es würde genau so kommen, fomuliert absichtlich zweideutig um uns dann eben doch an der Nase herum zu führen. Da werden Cliffhanger eingebaut und dann am Beginn des nächsten Kapitels absichtlich minutenlang so fomuliert, dass man annehmen muss Alternative A sei eingetreten, es ist aber dann doch B. Und dann durchbricht er das wieder in dem das was man hofft es möge nicht passiert sein eben doch passiert ist. Man hofft darauf, dass es wieder eine seiner Pirouetten ist, sie ist es dann aber nicht. Das habe ich in dieser Perfektion selten gelesen. Mich hat das begeistert und alleine schon deswegen wird der Name Jo Nesbø jetzt auf meinem Schirm bleiben.

Und danke Frau Westermann, die Empfehlung hat sich gelohnt.

Lässt sich langsam an, aber dann… – „In einer Person“

ineinerpersonIch gebe zu, dieses Mal habe ich eine ganze Weile gefremdelt mit dem „Neuen Irving“. Auch Charles Brauer als Sprecher gefiel mir nicht von Anfang an. Aber mit der Zeit, je länger ich der Handlung folgte und je mehr ich verstand worum es eigentlich ging, gefiel es mir immer besser. Und am Ende mochte ich das Buch und vor allem seine Aussage. Es wird nicht mein Lieblingsbuch von John Irving. Aber er bleibt auch mit diesem Roman ganz weit vorne auf der Liste meiner Lieblingsautoren.

Aber worum geht es nun? Wie gesagt, dass ich Anfangs gar nicht so leicht zu erklären. Es geht um die Lebensgeschichte das beinahe unehelich geborene William Dean, den seine Freunde Billy oder Bill nennen und der später den Nachnamen seines Stiefvaters, Abbott, annimmt. Er wächst in der (erfundenen) Kleinstadt First Sister in Vermont auf. Der leibliche Vater ist (wie so oft bei John Irving) nicht anwesend und er wächst mit Mutter, Tante, Onkel und Großeltern auf. Dazu kommt bald ein Stiefvater, besagter Richard Abbott. Die Familie in der er aufwächst ist merkwürdig. Gesprochen wird nicht viel. Über seinen Vater erfährt er nur bruchstückhafte Anekdoten. Den Vater habe die Mutter verlassen als sie ihn dabei erwischte wie er „eine andere Person“ geküsst habe. Ansonsten schweigt man sich über den Vater und über so ziemlich alles aus. Großmutter und Tante sind herrisch und bigott. Die Mutter zunehmend verrückt. Einziger Halt innerhalb der Familie ist Grandpa Harry, der am Theater bevorzugt Frauenrollen spielt im wahren Lebens aber ein Sägewerk besitzt und eben besagter Richard der als Englischlehrer in örtlichen Internat anfängt.
Und da ist natürlich Miss Frost. Als der 14-jährige Billy ihr begegnet begehrt er sie sofort. Im Buch heißt es „Ich wollte Schriftsteller werden und Sex mit Miss Frost haben. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.“
Etwa die erste Hälfte des Buches handelt von der Zeit in den 50er Jahren als Billy Abbott 14 ist und bis er schließlich mit 19 seine Heimatstadt verlässt um nach New York zu gehen. Billy geht auf das Internat an dem sein Stiefvater Lehrer ist. Es gibt zahllose Theater-Inszenierungen, er lernt seine beste Freundin Elaine kennen. Beide schwärmen für den Star der Ringermannschaft der Schule. Erst machen Billy und Elaine eine quasi sexuelle Erfahrung miteinander, dann wird Elaine vom Ringer-Star Kittredge schwanger und wird zur Abtreibung nach Europa geschickt. Billy ist sowohl verliebt in Miss Frost als auch in Kittredge und je mehr sich seine bisexuelle Neigung zeigt, desto komplizierter und belasteter wird die Beziehung zu seiner Mutter.

William Abbott studiert in Wien, reist mit einem Freund durch Europa und liest ihm dabei „Madame Bovary“ vor. Er wird Schriftsteller wie er es als 14-jähriger schon Miss Frost angekündigt hatte. Er hat Beziehungen mit Männern, Frauen und auch einigen die sich ein keine der beiden Kategorien einordnen lassen. Auch Elaine und Billy versuchen sich als Paar, stellen aber bald fest, dass sie als Freunde besser harmonieren. Dann trifft die AIDS-Epidemie Amerika und William Abbott muss zusehen wie fast alle seiner Freunde sterben. Er fühlt sich schuldig weil er am Leben bleibt. Unsentimental und präzise zeigt Irving das Zerstörungswerk einer Krankheit die völlig unkontrolliert wütete. Hier hat das Buch fraglos seine stärksten Momente.

Es fällt wie gesagt schwer das alles (es sind über 24 Stunden Hörbuch-Zeit) in eine knappe Zusammenfassung zu pressen. Es ist eine ausufernde Geschichte und das Leben der Hauptfigur gibt auch eine Menge her. Man hat den Eindruck, dass die Handlung eine Weile ihren Weg sucht ehe sie in Schwung kommt. Aber auf der anderen Seite passt das auch wieder gut zu Billy Abbott der auch lange sucht, bis er am Ende seinen Weg und seinen Platz im Leben gefunden hat.

Etwas gestört haben mich die viele Zeitsprünge und Vorgriffe in die Zukunft. Aus der Schulzeit am Internat springt die Geschichte nach Wien zur Studienzeit und wieder zurück um dann weit nach vorne und nach San Francisco zu springen wo Billy und Elaine eine Weile miteinander leben und wieder zurück ins Internat. Daraus ergeben sich einige nette Aha-Erlebnisse, aber ich fand es leider auch manchmal sehr unruhig.

Dieser Roman feiert das Leben und er ist ein Plädoyer für Toleranz und Akzeptanz. Hier lieben Männer andere Männer, Männer Frauen, Frauen Frauen, Frauen auch Männer, Ältere lieben Jüngere, alles ist erlaubt und Irving zeigt uns, dass es gut so ist. Am Ende des Buches, William Abbott ist mittlerweile Ende sechzig, wirft ihm ein Junger Mann vor: „Sie erschaffen diese Figuren, die sexuell so anders sind, wie Sie das nennen mögen – oder abgefuckt, wie ich sie nennen würde – und erwarten dann, dass wir Verständnis für sie haben oder sie uns leid tun oder sowas.“ Worauf er antwortet „Ja, das mache ich, mehr oder weniger“ und ihm dann wortwörtlich das hinterher ruft, was ihm Miss Frost als Teenager schon gesagt hatte: „Mein lieber Junge, bitte stecke mich nicht in eine Schublade. Ordne mich nirgends ein, bevor du mich überhaupt kennst.“
Das kann man getrost als zentrale Aussage des Romans sehen.

“In einer Person”, Autor: John Irving, Sprecher: Charles Brauer, Random House, Ungekürzte Lesung, 1452 Minuten

Nicht meine Welt – „Kafka am Strand“

Kafka am StrandEiner meiner besten Freunde ist Buchhändler und zwischen uns sind Bücher, Hörbücher und Comics ein großes Thema. Mit ihm habe ich eine Art Pakt geschlossen. Da er mir seit Monaten von Murakami vorgeschwärmt hatte und mich zur Lektüre (respektive zur… zum hören) bewegen wollte, habe ich irgendwann kapituliert. Ich bot an, wenn er einem Hörbuch des von mir geliebten John Irving eine Chance geben würde, würde ich als nächstes „Kafka am Strand“ von Haruki Murakami hören. Bereitwillig ging er darauf ein und ich fühlte mich sicher, war ich doch noch mitten in den „Toren der Welt“ gefangen und Japan lag weit, weit entfernt. Zu meiner Überraschung hörte ich bald von ihm, dass ihm das von mir empfohlene „Witwe für ein Jahr“ sehr gut gefiel und mein aktuelles Hörbuch neigte sich auch langsam dem Ende. Ich musste also meinen Teil der Verabredung einhalten. Die Parallele, dass beide Hörbücher von Rufus Beck gelesen wurden, erleichterte uns beiden den Anfang bei den uns fremden Autoren.

Der 15 jährige Junge Kafka Tamura haut von zu hause ab. Er kann seinen Vater nicht mehr ertragen. Seine Mutter und Schwester sind schon lange aus seinem Leben verschwunden, denn die Mutter hat den Vater vor Jahren verlassen. Kafka will eigentlich nur weg, wohin ist ihm egal. Über viele Umwege lernt er Oshima und die viel ältere Saeki kenne, in die er sich verliebt.
Nakata ist das, was man geistig zurückgeblieben nennt. Er ist über 60, hatte nie Sex, spricht von sich in der dritten Person und kann mit Katzen sprechen. Auch ihn treibt es auf allerlei Umwegen auf eine Reise an einen Ort, von dem er nicht weiß, wo er ist und was er dort will.

Soweit ein Versuch, die durch und durch verwirrende und verworrene Handlung nach zu erzählen. Es ist so eines dieser Bücher bei denen ich schwanke zwischen „einfach nicht mein Ding“ oder „kapier ich das nur nicht?“.
Zuerst einmal, was mir gefallen hat. Ich mochte den Einblick, den mir das Buch in das moderne Japan gegeben hat. Davon hatte ich keine Ahnung, denn meine Informationen stammten noch hauptsächlich aus dem TV-Mehrteiler „Shogun“ und bedurften also dringend einer Modernisierung. Außerdem mochte ich die Figur Nakata sehr gerne und überhaupt den Handlungsstrang mit ihm und Hoshino.

Es überwiegen aber die anderen Stellen. Nakata kann beispielsweise mit Katzen reden (ein komisches Highlight als eine Katze die er anspricht ihn fragt „Oh, sie können sprechen?“). Es taucht eine Figur namens Johnny Walker auf, die Katzen tötet um aus ihren Seelen eine Flöte (!) zu bauen. Weiter gibt es Geister, Colonel Sanders (der von KFC) taucht auf, sprechende Steine kommen vor usw. Ich war immer öfter ratlos und fragte mich „Was soll das alles?“. Es störten mich weniger die mystischen Wendungen als vielmehr, dass das alles hinten und vorne nicht zusammen passte. Nakata kann es plötzlich Fische und Blutegel regnen lassen, tut das zweimal und danach taucht diese Fähigkeit nie wieder auf. Die Figur des Colonel Sanders ist ein reinrassiger „deus ex machina“, der immer dann auftaucht, wenn die Protagonisten etwas bestimmtes brauchen um dann genau das zu liefern. Und nicht zuletzt werden ganzen Handlungsstränge und wichtige Ereignisse nie zu Ende geführt oder aufgelöst.

Das mögen alles Kunstgriffe sein die zum magischen Realismus gehören. Mich haben sie mehr und mehr genervt. Vielleicht erkenne ich auch nur die philosophische Tiefe dieses Werkes nicht, das mag sein. Mein Freund mochte John Irving gerne und will sich wohl bald mal wieder einen seiner Romane von mir leihen. Ob ich noch einmal zu Murakami greife ist derzeit eher fraglich.

„Kafka am Strand“, Autor: Haruki Murakami, Sprecher: Rufus Beck, Deutsche Grammophon, Ungekürzte Lesung, 17 CDs, 1260 Minuten

Solide – „Die Tore der Welt“

die-tore-der-weltEines vorweg: es war schön, mal wieder Zeit in Kingsbridge zu verbringen. Es fühlte sich so an, wie nach Hause zu kommen, obwohl es doch ein anderes Kingsbridge war, als noch in „Säulen der Erde“.

Die Handlung von „Die Tore der Welt“ beginnt im Jahr 1327 und damit etwa 200 Jahre nach der Handlung aus dem Vorgänger „Die Säulen der Erde“. Wir begegnen den Hauptfiguren Caris, Merthin, Gwenda, Ralph und Godwyn deren Leben das Buch bis ins Jahr 1361 nachzeichnet. Die meisten von Ihnen sind Nachfahren der Figuren Tom und Alfred Builder und Aliena die wir aus dem ersten Band kennen. Mit seinen fünf Protagonisten hat Ken Follett die maßgeblichen Bereiche der mittelalterlichen Gesellschaft abgedeckt: den Adel, die Bauern, den Klerus und das Handwerk. Diese Gruppe an Handlungsträgern ist gleichzeitig Stärke und Schwäche des Buches. Die breit gefächerte Handlung mit verschiedenen Handlungssträngen in verschiedenen Bevölkerungsschichten macht das Buch sehr abwechslungsreich und so bleibt es immer spannend. Gleichzeitig fehlt dem Buch aber auch der rote Faden, wie es der Bau der Kathedrale von Kingsbridge im ersten Band war.

Wie bei dieser Gesamtlänge nicht überraschend, zieht sich die Geschichte an einigen Stellen auch etwas, aber ich war immer gespannt, wie es weiter geht. Und es wird einiges geboten. Intrigen, Morde, der Auftakt zum hunderjährigen Krieg, Hexenprozesse und nicht zuletzt die Pest. Zwischendrin wird geliebt, gelebt, gestorben und vor allem immer gebaut. Die Kirche kommt nicht gut weg in der ganzen Geschichte. Die „guten“ wie die „bösen“ Kirchenleute verstoßen reihenweise gegen ihre Lehren. Überall ist sie ein Hindernis für den Fortschritt und das Wohl der normalen Menschen.
Aber in dieser Vielfältigkeit liegt auch das Problem. „Die Säulen der Erde“ hatte mit dem Bau der Kathedrale einen roten Faden, der sich durch das ganze Buch zog und die einzelnen Handlungsstränge zusammenhielt. Das fehlt diesem Buch. Follett fächert das gesamte Mittelalterpanorama auf, aber es bleibt episodenhaft und der große Bogen fehlt. Und ebenso fehlen die echten Höhepunkte. So plätschert die Handlung dahin, wie in einer Art Mittelaltersoap, die Spaß macht und hervorragend unterhält, die aber keinen krönenden Abschluss findet.

Sehr erfreulich und lobenswert finde ich an diesem Hörbuch, dass LübbeAudio sich die Mühe gemacht hat, es in verschiedenen Varianten zu veröffentlichen. Eine Praxis an der sich andere Verlage ein Beispiel nehmen könnten. So gibt es das Buch als gekürzte Hörbuchfassung, gelesen von Joachim Kerzel und eine Hörspielfassung bei der die Experten schon bei der Nennung der beiden Erzähler Rosemarie Fendel und Peter Matic (Synchronsprecher u.a. von Ben Kingsley) ins Schwärmen geraten dürften. Und es gibt die von mir generell bevorzugte ungekürzte Lesung, hier von Tobias Kluckert vorgetragen. Der macht seine Sache im Übrigen sehr gut, schafft es, den Figuren eine eigene Persönlichkeit zu geben, ohne dabei zu übertreiben.

„Die Tore der Welt“, Autor: Ken Follett, Sprecher: Tobias Kluckert, LübbeAudio, Vollständige Lesung, 46 CDs, 3038 Minuten

Verstörend – „Brodecks Bericht“

Brodecks Bericht„Ich heiße Brodeck, und ich kann nichts dafür.“ Mit diesem Satz beginnt das Buch „Brodecks Bericht“ von Philippe Claudel und damit ist das hauptsächliche Thema des Buchs schon genannt. Es geht um Schuld.
Ein Fremder, der Andere, kommt in ein abgelegenes Bergdorf und die Dorfbewohner beobachten misstrauisch jeden seiner Schritte. Er ist anders als sie und alleine das macht ihn zu einer Bedrohung. Eines Abends locken die Männer des Dorfes den Anderen in eine Falle und töten ihn. Alle Männer, bis auf Brodeck. Und so soll er, den das Dorf auf die Schule geschickt hat und der schreiben kann, einen Bericht darüber schreiben, wie es zu dieser Tat kommen konnte. Auf diese Weise wollen die Dorfbewohner sich von ihrer Schuld freisprechen.
Brodeck schreibt diesen Bericht und er tut noch mehr, er schreibt einen zweiten Bericht, in dem er sein Leben erzählt und durch den wir besser verstehen, was in diesem Dorf, was mit dem Anderen aber auch, was mit Brodeck passiert ist.

Es ist beileibe kein einfaches Buch. Es war mein erstes Buch von Claudel und ich wäre vermutlich nie darauf gestoßen, wenn ich es mir nicht zur Gewohnheit gemacht hätte, die Homepage von Parlando zu besuchen. Lesungen von Christian Brückner sind oft eine gute Wahl und in seinem eigenen Verlag publiziert er reihenweise wahre Perlen und liest sie selber. Nachdem ich dieses Hörbuch fertig gehört hatte, habe ich mir gleich noch ein zweites von Claudel, ebenfalls von Brückner gelesen, gekauft. Daran sieht man vielleicht, dass mich das Buch beeindruckt hat.
Der Autor bedient sich darin eines kleinen Kunstgriffs der seine Wirkung nicht verfehlt. Er gibt keine konkreten Ortsangaben oder Zeiten, Bezüge zum Holocaust sind zwar kaum zu übersehen, sie bleiben aber vage. Man kann nur vermuten und spekulieren wo und wann die Geschichte stattfindet. Auch die lautmalerischen Namen wie „Fratergekeime“ und „Kazerskwir“ lassen wenig Rückschlüsse zu. In Frankreich, dem Herkunftsland des Autors, klingen gerade die lautmalerischen Namen natürlich sehr deutsch und das ganze Geschehen dürfte den französischen Leser an Deutschland und den 2. Weltkrieg denken lassen. Ein deutscher Leser mag da aber ganz andere Assoziationen haben.
Abgesehen davon wollte der Autor aus meiner Sicht aber gar nicht über den Holocaust schreiben und wer das erwartet, wird sicher enttäuscht. Der Autor nennt die Fremden oder den Anderen nie Deutsche oder Juden, benutzt keine Religionen, Nationalitäten, Länder- oder Städtenamen. Er bleibt allgemeingültig und so bleibt die Handlung universal. Sie könnte auch während des Dreißigjährigen Kriegs oder des Balkan Kriegs spielen. Es geht um das Wie, das Warum Menschen handeln, wodurch sie sich bedroht fühlen und wie sie schuldig werden. Und das hat mich sehr beeindruckt.

Es ist keine leichte Kost, es gibt auch nichts zu lachen. Im Gegenteil. Aber dennoch ist es ein gutes Buch das eine Geschichte erzählt, die es wert ist, gehört zu werden. Es regt einem zum Nachdenken an und das kann ja hin und wieder auch nicht schaden.
Christian Brückner trägt den Text in seiner unnachahmlichen Art vor und macht ihn damit noch eindringlicher. Ich bin ein großer Fan seiner Vortragskunst und bin daher voreingenommen. Aber aus meiner Sicht hat er noch jedem „seiner“ Hörbücher mehr Tiefe verliehen und macht auch hier ein gutes Buch noch etwas besser.

„Brodecks Bericht“, Autor: Philippe Claudel, Sprecher: Christian Brückner, Parlando, Leicht gekürzte Lesung, 6 CDs, 456 Minuten